Konzert „Schlafes Bruder“ – Herbst 2026


SCHLAFES BRUDER

„Wie Gott mir verheißen hat: Der Tod ist mein Schlaf worden.”
(Martin Luther: Mit Fried und Freud ich fahr dahin, 1524)

„Komm, o Tod, du Schlafes Bruder, komm und führe mich nur fort.”
(Johann Sebastian Bach: Schlusschoral der Kreuzstabkantate BWV 56.
Text: Johann Franck 1653)

„Die Nacht aber gebar das verhasste Geschick und das schwarze Verderben und den Tod. Sie gebar auch den Schlaf und den Schwarm der Träume.”
(Hesiod, Theogonie Zeilen 211/212 nach Michael Theunissen)

„Dann ihn (Sarpedon) wegzutragen vertrau den schnellen Geleitern,
beiden, dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn
niedersetzen in Lykiens weitem und blühendem Lande.”
(Homer, Ilias 16. Gesang Zeilen 671-673 nach Johann Heinrich Voss)


Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde des Vokalensembles Josquin des Prés!

Auf der Suche nach einem Konzept für unser Konzert zum Totensonntag kam uns der Choral „Mit Fried und Freud ich fahr  dahin” in den Sinn. In der letzten Zeile dieses Gedichtes lesen wir eine Quintessenz der christlichen Glaubensgewissheit in den Worten Martin Luthers: Der Tod ist mein Schlaf worden.

Das symbiotische Spiegelbild von Schlaf und Tod findet sich auch in einem kurzen Sinngedicht Friedrich von Logaus (1759): Tod ist ein langer Schlaf; Schlaf ist ein kurzer, kurzer Tod. Die Not, die lindert der, und jener tilgt die Not.

Den Schrecken von der vermeintlichen Endgültigkeit und Unerbittlichkeit des Todes zu nehmen, war der Sinn dieses Bildes, das sich hervorragend in den Glauben an eine Auferweckung der Entschlafenen fügt.

Johann Sebastian Bachs Leben war von vielen schmerzhaften Abschieden geprägt, die er u.a. in seinen Kompositionen zu bewältigen versuchte, eine Sublimierung, die uns zahlreiche und zeitlose Meisterwerke bescherte.

Für den Schlusschoral der Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen” griff er auf einen Liedtext von Johann Franck zurück,  der unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges seine Klage über das diesseitige Elend in viele geistliche Lieder kleidete. In der zweiten Strophe von „Du, o schönes Weltgebäude” stoßen wir auf das titelgebende Zitat: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder, komm und führe mich nur fort. Löse meines Schiffleins Ruder, bringe mich in sichern Port.”

Das Thema Tod war im 17. und 18. Jahrhundert im Alltag sicher gegenwärtiger und selbstverständlicher als heutzutage, wo man ihn als Folge von Fortschrittsglaube, Verdrängung, Aufklärung oder Furcht weitgehend meidet. Gleichzeitig tun sich weit verbreitet Aspekte einer diffusen Lebensmüdigkeit, eines dekadenten Überdrusses auf.
Der Dichter eines zweiten, im aktuellen Programm relevanten Bach-Chorals bleibt, anders als das musikalische Ergebnis, unbekannt:
„Komm, süßer Tod, komm sel’ge Ruh! Komm führe mich in Friede, weil ich der Welt bin müde”.
Die Hoffnung auf und der Glaube an eine jenseitige Erfüllung wird in Bachs barockem Gewand sinnfällig zu Musik. Ob dies nun eine zeitgeschichtlich induzierte Todessehnsucht aus Verzweiflung oder eine heitere Gelassenheit und radikale Akzeptanz einer der wenigen, alle Menschen vereinenden Tatsachen ist, mag jeder selbst entscheiden.

Wollen wir aber die Ursprünge dieser Symbiose aus Tod und Schlaf aufdecken, müssen wir uns in die griechische Mythologie begeben. Hesiod errichtete in seiner Theogonie um 700 v.Chr. einen komplexen Stammbaum des antiken Götterhimmels.
Dort gebiert Nyx, die Nacht, selbst eine Tochter des Chaos, eine Vielzahl an allegorischen und sagenhaften Kindern, darunter u.a. die Luft, den Tag, die Träume, den Schlaf Hypnos und den friedlichen Tod Thanatos (der Gott der sanft Entschlafenen), aber auch Ker, die Verkörperung des gewaltsamen Todes, Eris, den Streit und die als Rachegöttinnen bekannten Erinnyen.

Auch Homer (so es ihn überhaupt gegeben hat) weist in seiner Ilias auf die enge Verwandtschaft von Nacht, Schlaf und Tod hin und geht dabei noch einen Schritt weiter als Hesiod, indem er Schlaf und Tod als Zwillinge bezeichnet. Diese werden in der Schlacht um Troja von Zeus instruiert, den gefallenen Helden Sarpedon vom Schlachtfeld zu retten und seiner Bestattung zu überführen.

Dem Grauen vor der Nacht, vor der Hilflosigkeit im Stadium des Schlafes (aber auch des Todes) erwidert der Psalmist: In Frieden leg ich mich nieder und schlafe ein; denn du allein, Herr, lässt mich sorglos ruhen (Psalm 4,9).
John Sheppard (1515-1559) verbindet in seiner Motette „In pace in idipsum dormiam et resquiescam” diesen Psalm mit Versen aus Psalm 132 zu einem ruhigen Abendlied in bester englischer Renaissance-Manier.

Eine ungewöhnliche Werkgeschichte besitzt Eric Whitacres „Sleep” aus dem Jahr 2000, das infolge eines Urheberstreites bezüglich des ursprünglich zugrundeliegenden Gedichtes nach der Uraufführung zunächst in der Schublade verschwand. Wiedererweckt wurde es zwei Jahre später, nachdem Charles Anthony Silvestri sich bereit erklärt hatte, ein gänzlich neues Gedicht zur bestehenden Musik zu verfassen, in dem er die Momente kurz vor dem Einschlafen und sich aufdrängenden Traumbilder in Worte fasst.
Whitacres Musik ist charakterisiert durch große Suggestibilität und Ausdruckskraft und überwältigt mit dem Wechsel von zartem Unisono und kompakten, angereicherten Schichtakkorden.

Im Codex Medici erschien 1518 erstmals Jehan Moutons „Salva nos, Domine”, zurückgehend auf eine Antiphon aus der Komplet, dem lateinischen Nachtgebet: „Rette uns, Herr, wenn wir wachen, behüte uns, wenn wir schlafen, damit wir mit Christus wachen und in Frieden ruhen”.
Dass Josquin des Prés sein Lehrer gewesen sein soll, gilt heute als unwahrscheinlich. Dass sein eleganter, ausgewogener und unaffektierter Kompositionsstil schon zu Lebzeiten geschätzt wurde, beweisen seine Anstellungen am Hofe der Könige Ludwig XII und Franz I von Frankreich.

Auf 1524 wird Luthers Choral „Mit Fried und Freud ich fahr dahin” datiert. Er erfreute sich schon bald großer Beliebtheit auch in Komponistenkreisen. So wählten ihn u.a. Dietrich Buxtehude, Johann Hermann Schein und später Johannes Brahms als Textvorlage. Wir entschieden uns für die Version von Johannes Eccard (1553-1611) wegen ihrer dichten Strenge und herben Schönheit im Stil der Spätrenaissance.

Vermutlich hätten auch Sie nie gedacht, in einem unserem Konzerte einmal auf Joseph Haydn – und noch dazu auf einen Kanon zu stoßen. Wenn aber der Text „Tod ist ein langer Schlaf” so perfekt in das Konzept passt und der Kanadier Rodney Sharman (*1958) ein zeitgenössisches Arrangement anfertigt, konnten wir praktisch nicht darauf verzichten.

Auch an Johann Sebastian Bach führte kein Weg vorbei. Zum einen wegen des o.g. titelgebenden Schlusschorals aus der Kreuzstab-Kantate aus dem Jahr 1726. Zum anderen wegen des Chorals „Komm, süßer Tod” aus dem Schemelli-Gesangbuch. Dieser Choral inspirierte verschiedene KomponistInnen zu expressiven Interpretationen.

Neben dem Original hat sich Knut Nystedts (1915-2014) Version aus dem Jahre 1987 mittlerweile fast zu einem Klassiker in der Chormusik entwickelt. Die Aufhebung der zeitlichen Schranken und Gesetzmäßigkeiten nach dem Lebensende spiegelt sich in Nystedts Aufführungsanweisung wieder: Fünf vierstimmige Ensembles singen die erste Zeile von Bachs Original in unterschiedlich gedehnten Tempi, wodurch sich clusterartige Auffächerungen entwickeln, die sich zum Ende der Phrase wieder zu reinen Akkorden klären.

Weniger bekannt ist (noch) die Bearbeitung dieses Chorals durch Ethel Smyth (1858-1944). Diese für das viktorianische Zeitalter ausgesprochen fortschrittliche und unangepasste Dame „erstreikte” sich in ihrer konservativen Familie die Erlaubnis, in Leipzig Komposition studieren zu dürfen. Über Heinrich von Herzogenberg lernte sie u.a. Anton Rubinstein, Edvard Grieg, Johannes Brahms und Clara Schumann kennen. Sozialpolitisch relevant war ihr Einsatz für Frauenrechte als britische Suffragette, ihr „March of the Women” wurde zu einer Hymne der englischen Frauenbewegung.

Ebenfalls eine Neuentdeckung dürfte für die meisten die Motette „Komm, Jesu, komm” von Martin Ødegaard (*1983) sein. Er bezieht sich darin eindeutig auf die gleichnamige doppelchörige Motette von Johann Sebastian Bach (Text: Paul Thymich). Neben wörtlichen Zitaten extrahiert Ødegaard einzelne Phrasen rhythmisch und harmonisch und schichtet sie zu einer neuen, eigenständigen und intensiven Tondichtung. Und endet, wie Bach, in einem Choral, der allerdings rätselhaft, fast suchend-tastend ausfasert:

„Drum schließ ich mich in deine Hände
und sage, Welt, zu guter Nacht!
Eilt gleich mein Lebenslauf zu Ende,
ist doch der Geist wohl angebracht.
Er soll bei seinem Schöpfer schweben,
weil Jesus ist und bleibt der wahre Weg zum Leben.”

Wir laden Sie herzlich ein zu unseren Konzerten zum Totensonntag am

Samstag, 21.11.2026 um 19:30 in der Herz-Jesu-Kirche Erlangen
oder am
Sonntag, 22.11.2026 um 16:00 in St. Klara Nürnberg

Für das Vokalensemble Josquin des Prés
Raimund Schuler

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