„Jede Sehnsucht speist sich aus der Unvollkommenheit des gegenwärtigen Lebens,
dem Empfinden, dass etwas Elementares fehlt” (Psychologie heute).
„Wie der Hirsch lechzt nach frischen Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir”
(Psalm 42,2).
„Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter, auf den ich schaue”
(Psalm 42, 12 und Psalm 43, 5).
„Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn (…)
Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen”
(Psalm 84, 3+4).
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Vokalensembles Josquin des Prés,
unser diesjähriges Frühjahrskonzert fällt auf den 5. Fastensonntag JUDICA, dessen Beiname sich auf Psalm 43 bezieht. Gemeinsam mit Psalm 42 bildet er einen Zwillingspsalm unter der Überschrift „Sehnsucht nach dem lebendigen Gott”.
Die Verbindung beider Psalmen zeigt sich neben der inhaltlichen auch auf der formalen Ebene. u.a. durch die gemeinsame Verwendung des Verses „Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir”.
Die Sehnsucht gilt weithin als unstillbares Gefühl. Für Immanuel Kant fungiert sie sowohl als Antrieb zur Erreichung von Zielen als auch als Quelle von Schmerz, Johann Gottlieb Fichte sieht sie als schöpferische Kraft, als Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden.
Der Psalmist findet im Motiv der dürstenden Hirschkuh ein treffendes Bild für die existentielle Not des Beters, die durch das Wasser des Himmels, durch das göttliche Wort und Gottes Beistand gelindert werden kann: Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter, auf den ich schaue.
Zwei Komponisten der Renaissance liefern uns polyphone Tonbeispiele für die ersten Verse aus Psalm 42.
John Taverner (1490-1545), ein Zeitgenosse von König Heinrich VIII, pflegt in seinem Quemadmodum desiderat cervus einen dichten, kompakten Kompositionsstil mit beispielhafter Gleichberechtigung aller sechs Stimmen.
Dem ungleich weniger bekannten, aus Bologna stammenden Alfonso Ferrabosco d.Ä. (1543-1588) wurde wegen seiner ungewöhnlich guten Bezahlung am Hofe von Königin Elizabeth I häufig eine – historisch nicht verifizierte – Zusatztätigkeit als Geheimagent für die Krone unterstellt. In Fuerunt mihi lacrymae gibt Ferrabosco ein Beispiel seiner „hohen Meisterschaft”, die ihm Thomas Morley bescheinigte.
Tiburtio Massaino (1550-1609) befindet sich stilistisch im Übergang zwischen Renaissance und Barock und war neben Rom auch in Salzburg und Innsbruck tätig. Sein doppelchöriges, zehnstimmiges Judica me vertont Vers 43 und wechselt zwischen aufgeregt-rhythmischen, sich ins Wort fallenden und klangprächtig-hymnischen Passagen.
Nicht fehlen durfte in unserem Programm der letztjährige Jubilar (500. Geburtstag) Giovanni Pierluigi da Palestrina, handelt es es doch bei seinem Sicut cervus/Sitivit anima mea um eines seiner stilbildenden, besonders in seinem Heimatland Italien als Klassiker geltenden Werke. Er genoss schon zu seiner Zeit ein enormes Ansehen, u.a. als Mitglied der Sixtinischen Kapelle, und wird immer wieder als „Retter der Kirchenmusik” bezeichnet, da es ihm gelang, die Bedenken des Trientiner Konzils gegenüber polyphoner Kirchenmusik zu zerstreuen.
Der Wechsel an den Wiener Hof zu Kaiser Maximilian II scheiterte angeblich an den zu hohen Gehaltsvorstellungen Palestrinas.
Der 1972 in Arezzo geborene Lorenzo Donati, u.a. Professor in Venedig, ließ sich von Palestrinas Motette und der in Venedig zur Perfektion gebrachten Mehrchörigkeit zu einer Adaption von Sicut cervus und Sitivit anima mea inspirieren. Er zitiert in seiner Version Palestrina teilweise wörtlich, kombiniert kurze Passagen neu miteinander und verteilt und multipliziert den vierstimmigen Originalsatz auf eine ausladende 16-Stimmigkeit. Durch Summen, Sprechen und weitere Gestaltungselemente schafft er ein faszinierendes Klanggemälde, das durchgehend dem großen Vorbild huldigt.
Jaako Mäntyjärvi (*1963) darf als Grandseigneur der zeitgenössischen skandinavischen Chormusik gelten, dem es gelungen ist, einen sehr eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert zu entwickeln.
In seinen Stuttgarter Psalmen aus dem Jahre 2009 bezieht er sich textlich ausdrücklich auf die drei bekannten Psalmvertonungen Op. 78 von Felix Mendelssohn. Uraufgeführt wurde Mäntyjärvis Hommage an den großen romantischen Komponisten aus Anlass von dessen 200. Geburtstag als Auftragswerk der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Richte mich, Gott (bei Mendelssohn Op 78 Nr.2) empfahl sich als intensive, überraschende und mitreißende Version von Psalm 43.
Der Text von The Deer´ s Cry (Der Hirschruf) des estnischen Komponisten Arvo Pärt (*1935) geht auf die Lorica des Heiligen Patrick zurück, einem irischen Hymnus, der auf einer vorchristlichen religiösen Tradition basiert. Lorica (lateinisch für Brustpanzer) ist eine Gebetsform, die durch mantra-artige Wiederholungen morgens als Schutzformel gegen alles Böse praktiziert wurde.
Pärt, weltweit meistgespielter lebender Komponist Neuer Musik, trägt dieser liturgischen Form kongenial Rechnung. Über weite Strecken bilden die drei Unterstimmen eine homophone, immer wieder durch Pausen unterbrochene, beklemmende Meditation, über die der Sopran die Verse des Gebetes intoniert.
Als hoffnungsvolle Aussicht auf Erfüllung der existentiellen Sehnsucht, auf Geborgenheit und Schutz komplettiert eine Vertonung von Psalm 84 unser Programm. Wieder greift der Psalmist auf ein Bild aus der Natur zurück, um das unerschütterliche Vertrauen in das Gelingen und Gottes Gnade zu illustrieren: Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.
Diesem Psalm widmet sich Caroline Shaw (*1982) in and the swallow aus dem Jahr 2017.
Vier Jahre zuvor wurde Shaw als jüngste Preisträgerin aller Zeiten für ihre Partita for 8 voices mit dem Pulitzer Preis für Musik ausgezeichnet.
Wir laden Sie herzlich ein zu unseren Konzerten am
Samstag, 21. März 2026 um 19:30 in Herz Jesu Erlangen und am
Sonntag, 22. März 2026 um 16:00 in Sankt Klara Nürnberg
Für das Vokalensemble Josquin des Prés
Raimund Schuler
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PS:
Der Konzerttitel geht auf das Gedicht „Weltende” von Else-Lasker Schüler zurück, das ich der Vollständigkeit halber zitieren möchte:
Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.
Du! Wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

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