Konzert .:. Vier Elemente: WASSER Drucken

„Finsternis schwebte über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser” (Gen. 1.2)

„Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir” (Ps. 42.1)

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen des Vokalensembles Josquin des Près!

Kein Element scheint so wesentlich und wandelbar wie das Wasser. Als Ursprung des Lebens, als Symbol für Überleben, Reinigung und Heilung, als Gegenstand/Medium von Ritualen, als grundlegendes Beispiel von Metamorphose durch Änderung des Aggregatszustandes: Wasser spielt in Theologie und Naturwissenschaft eine ebenso große Rolle wie in Kunst, Zukunftsforschung und Politik.

Die vier Elemente - Wasser

Wasser beschließt unseren musikalischen Zyklus zu den Vier Elementen. Und unsere über zwanzigjährige Zusammenarbeit mit unserem künstlerischen Leiter Wolfgang Weser.
Wir blicken dankbar und musikalisch reich beschenkt auf unsere zahlreichen Chorprojekte zurück, auf die stets von respektvollem Umgang und großer Begeisterung geprägten Probenphasen, auf so viele auch menschlich bereichernde Erlebnisse.
Die Erinnerungen - vielleicht auch für sie als Hörer, unbezahlbar,
die Erfahrungen - kaum zu fassen, gewinnt doch die Musik gerade durch ihre Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit ihre starke Faszination.

Nun also ein Abschluss, ein kurzes Innehalten im Strom der Zeit, ein Sammeln, den Blick zurück und nach vorne schweifen lassend. Der Wandel ist eingeleitet, das Wasser wird sich eine neue Bahn schaffen. Zu neuen Ufern.
Oder in den Worten aus Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin”: Vom Wasser haben wir’s gelernt, vom Wasser: 
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.

Dem Wasser wollen wir also folgen in seiner Vielfalt, seinem Reichtum, seiner Rätsel- und Bildhaftigkeit. 

Schon o.g. Psalm 42 Wie der Hirsch schreit lädt zu einer kontrastreichen Gegenüberstellung ein.
Auf der einen Seite Hugo Distlers archaisch anmutender Anruf, einer Fontäne gleich, auf der anderen Seite das in einem breiten Strom dahinziehende Quemadmodum von John Taverner aus dem frühen 16. Jhd., bei dem der musikalische und theologische Gehalt tief unter der ruhigen Oberfläche verborgen bleibt.

Vom Wasser der Tränen und der Sehnsucht nach dem gelobten Land in den Jahren des Exils an den Flüssen Babylons berichtet der Psalmist in Psalm 137: An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Sion dachten, wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. Neben Lassus und Palestrina hat auch der flämische Komponist Philippe de Monte (1521-1603) dieser Wehklage Vertriebener eine doppelchörige Motette in prächtiger Renaissance-Manier gewidmet.

Zur genau gleichen Zeit wirkte Claudio Merulo in Italien, u.a. über fast 30 Jahre am Markus-Dom in Venedig.
In seinem Liber Primus Sacrarum Cantionem von 1578 findet sich das Tribus miraculis ornatum diem, eine Motette zum von drei biblischen Wundern geschmückten Festtag des 6. Januar.

Geläufig ist uns die Ankunft der drei Könige nach Jesu Geburt. Am gleichen Tag gedenkt die Kirche allerdings auch dem ersten Wunder Jesu in Galiläa, der Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kanaa und der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan. Für uns ein doppelter Grund, Merulo in unser Programm aufzunehmen.

Von Venedig in die Oberpfalz, vom 16. ins späte 19. Jahrhundert.
Hans Koessler (1853-1926) verbrachte Kindheit und Jugend in Weideck und Weiden, wirkte in Eichstätt und Neumarkt, bevor er über München und Dresden nach Budapest übersiedelte und dort u.a. eine Professur für Komposition übernahm.
Selbst ein entfernter Vetter von Max Reger wurde er zum Lehrmeister einer ganzen Komponistengeneration mit Bela Bartok, Zoltan Kodaly und Emmerich Kalman. Das Gebet auf den Wassern, die Nummer 1 aus den Drei ernsten Chören, verschränkt die Naturbetrachtung des smaragdenen Meeres mit religiöser Begeisterung und Symbolik.
Aus dem zunächst ab-, dann aufsteigenden chromatischen Unisono von Chor 2 entwickelt Koessler eine mächtige Welle, die sich in achtstimmigem C-Dur bricht.

Ein gänzlich andere Tonsprache findet 1937 Olivier Messiaen für sein O sacrum convivium
Das Mysterium der Wandlung i.R. der Eucharistie schimmert hier in einem kaum fassbaren Tonsatz. Rhythmus und Harmonik entziehen sich dem Eindeutigen, Erwartbaren, Herkömmlichen, bleiben rätselhaft, sanft und gewaltig zugleich.

Treues Stammpublikum erwartet ein Wiederhören zweier Werke von Jaakko Mäntyjärvi (*1963), die sich aufgrund von Thematik und Qualität unbedingt empfehlen: The Tide rises, the tide falls nach dem Text von Henry Wadsworth Longfellow und das balladenhaft ausufernde Canticum calamitatis maritimae über das Fährunglück der Estonia 1994.
Ersteres eine stille, sanfte Meditation über das Wesen des Wasser, seine Beharrlich- und Unerbittlichkeit, letzteres ein bildgewaltiges Opus über die Schiffskatastrophe in der Ostsee.
Zitat aus dem Programmheft 2018: „Der Solosopran paraphrasiert zu Beginn die Melodie des englischen Chorals Nearer my God, to thee, den der Legende nach die Bordkapelle beim Untergang der RMS Titanic 1912 spielte…Ein Solotenor zitiert im Stile eines liturgischen Sprechgesanges die Originalmeldung der Fährkatastrophe, wie sie vom finnischen Sender Nuntii Latini verbreitet wurde, während die Passage sodass ihre Seele in der Not verzagte rhythmisch den Morse-Code des SOS-Signals imitiert.
Wellenschlagende Crescendo, den ganzen Stimmraum auslotende Klänge, tumultartige Engführungen erzeugen ein beklemmendes Bild und klagen indirekt die Hybris des Menschen an.”

Das Gedicht „Agua Nocturna” des mexikanischen Literaturnobelpreisträgers Octavio Paz stand Pate für ein Frühwerk von Eric Whitacre (*1970). Schon 1995 versteht es der Amerikaner in Water Night, aus überschaubarem kompositorischen Material ein stimmungsvolles Gewebe zu wirken, die assoziative und flottierende Poesie von Paz u.a. mit seinen für ihn so typischen Cluster-Entwicklungen in ein musikalisches Gewand zu kleiden.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns auf unserer Reise zu verschiedenen Ufern, Gestalten und Charakterzügen des Wassers begleiten.

Gelegenheit dazu bietet sich am
Samstag, 26. November 2022 um 19:30 in St. Jakob Bamberg und am
Sonntag, 27.November 2022 um 16:00 in St. Klara Nürnberg.

Der Eintritt beträgt 15/10 Euro.
Die ggf. herrschenden lokalen Pandemie-Regeln bitten wir zu beachten.

Für das Vokalensemble Josquin des Près
Raimund Schuler 

Aktualisiert ( Samstag, 29. Oktober 2022 20:50 )