Konzert ...::... Vier Elemente: ERDE PDF Drucken E-Mail

Gen 1,1
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen des Vokalensembles Josquin des Près,

unser diesjähriges Herbst-Thema gibt uns Gelegenheit, den verschiedenen Facetten des Elements Erde nachzugehen und Ihnen eine möglicherweise zum Diskurs anregende Zusammenstellung zu präsentieren.

 

Die vier Elemente - Luft

 

ERDE werden wir betrachten als Gegenstand der göttlichen Schöpfung, als Bestandteil des Universums, als Pendant zum schwerelosen Himmel, als Symbol der Niedrigkeit und Demut (vgl. humus - humilitas), als Mahnung zur Bodenständigkeit, als elementares Zeichen der Vergänglichkeit.

Erdige Klänge formen sich im 2. Vesperpsalm der Allnächtlichen Vigil Sergej Rachmaninovs, entstanden 1915 unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges. Die Textgrundlage bilden Passagen aus Psalm 104, eines sogenannten Schöpfungspsalms, eines Loblieds auf den Schöpfer:
"Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, wie groß bist du! ...Herr, wie zahlreich sind deine Werke, mit Weisheit hast du sie alle gemacht!".
Ein warm timbriertes Alt-Solo zitiert einen griechisch-orthodoxen Kirchengesang und wird getragen von kompakten, langgezogenen Chorakkorden. Die erhabene Schwere wurde in der Originalanweisung noch unterstrichen von den Kirchenraum durchziehenden Weihrauchschwaden.

Eine ideale Ergänzung hierzu stellt Josquins Vertonung von Psalm 8 im Domine, Dominus noster dar.
"...Wenn mein Auge sieht der Himmel Pracht, herrliches Werk deiner Hände, Mond und Sterne: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Alles hast du ihm zu Füßen gelegt: All die Schafe und Rinder, die wilden Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Wassers... Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!" Ein polyphones Juwel aus der Feder des Renaissancekomponisten, Appell an die Würde und die Verantwortung des Menschen zugleich.

Josquins prachtvolle Weihnachtsmotette Praeter rerum seriem legt Orlando di Lasso seinem Magnificat zugrunde. Der Lobgesang Mariens fügt sich thematisch und theologisch in unser Programm ein: "... denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er gesehen... denn er hat große Dinge an mir getan." Die Freude über die Menschwerdung Gottes, die Erdung des Himmels gestaltet Lasso in hochvirtuoser Stimmführung.

Rose Ausländers Lichtkaft formuliert es so:

Aus dem Himmel
eine Erde machen
aus der Erde
einen Himmel
wo jeder
aus seiner Lichtkraft
einen Stern ziehen kann.

Dem vermutlich berühmtesten Komponisten des 16.Jahrhunderts stellen wir den finnischen Zeitgenossen Einojuhani Rautavaara gegenüber, dem wir eine packende und bildreiche Interpretation des Magnificat für gemischen Chor verdanken. Aus seinem 1979 entstandenen Werk hören Sie Teil 2 (quia respexit humilitatem) und Teil 3 (fecit potentiam).

Die Erde als Planet des Sonnensystems, als profaner Kontrast zum theologischen oder metaphyischen Himmel führt uns zu einer Trilogie von Werken, die unser Thema auf völlig andere Weise umkreisen, beleuchten und vielleicht schärfen.

2008 erschien die Sunrise Mass des Norwegers Ola Gjeilo. Das Kyrie daraus wird übertitelt mit The Spheres und ist der einzige A-cappella-Teil dieser Orchester-Messe. Langsam sich entwickelnde, auf- und abschwellende Akkordüberlappungen lassen einen dichten, sphärischen Klangteppich entstehen, bevor zwei homophone, crescendierende Cluster eine an Frank Martins Messe für Doppelchor erinnernde Schlussphrase einläuten.

Dem größen Planeten unseres Sonnensystems stellt sich Michael Ostrzyga. Mit Iuppiter ist ein faszinierendes Schwergewicht aktueller Chormusik entstanden.

Auch vorchristliche Kulturen suchten Erklärungen für Metaphysisches, Unerklärliches, Überirdisches, hatten das Bedürfnis nach einem Adressaten für Wünsche und Bitten. Juppiter steht damit als mythologisches Symbol für das Streben des Menschen nach Höherem, aus der irdischen Beschränktheit, aber auch für die Gefahr profaner Verblendung (oder Hoffart) und Veräußerlichung, der Anbetung des "goldenen Kalbes".

Ostrzyga verschränkt dazu verschiedene lateinische Kultbeinamen Juppiters mit verwandten Begriffen und Namen anderer alter Sprachen sowie Fragmenten der katholischen Liturgie wie z.B. der Pfingstsequenz - ein durchaus provokantes, vielstimmiges Gewebe, das in der vermutlich singulären Aufführungsanweisung gipfelt:
"grandioso, marcanto e pesante / mit Größenwahn zu singen". Ein letztlich fragwürdiges Höher-Schneller-Weiter.

Was wäre darauf eine passende Antwort? Womit könnte man den Größenwahn, die Hoffart, die haltlose Profanisierung kontern?

In theologischer Sicht bietet das Magnificat eine gelungene Erwiderung. 
(siehe Teil 3: fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui = er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn oder Teil 2: quia respexit humilitatem ancillae suae=auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er gesehen).

In poetischer Sicht rücken William Blakes berühmte Anfangsverse seines Gedichtes Auguries of Innoncence unseren Blick zurecht, lenken ihn auf den Zauber des Irdisch-Endlichen im Wunder eines Sandkorns und inspirierten den im Juni diesen Jahres verstorbenen schwedischen Komponisten Sven David Sandström zu seinem To see a world in a grain of sand:

"Die Welt zu sehn im Korn aus Sand
Das Firmament im Blumenbunde
Unendlichkeit halt in der Hand
Und Ewigkeit in einer Stunde."

Vom größten Planeten zum Sandkorn, vom Menschen zum Staubkorn. Von dort zum Anruf Gottes um Beistand in der letzten Stunde führt uns Krzystzof Pendereckis In pulverem mortis aus seiner Lukas-Passion:
Du legst mich in den Todes Staub... Du aber, Herr, halte dich nicht fern und eile mir zu Hilfe!
Die drei-chörige, expressive Klage verzichtet auf jeden Wohlklang und konfrontiert uns mit der unabänderlichen irdischen Endlichkeit.

Damit korrespondiert Benjamin Rimmers In the shining blackness.
Dem zu Boden drückenden, tiefdunklen Text des Tschechen Jiri Glaser, der 1940 achtzehnjährig als Jude nach England fliehen musste, setzt der junge englische Komponist eine eindringliche, aller Hoffnungslosigkeit trotzende Tonsprache entgegen - tatsächlich ein Werk von schimmerndem Schwarz.

Rainer Maria Rilkes Herbst relativiert die Schwere der Erde und entlässt Sie, hoffentlich mit einem Lichtblick, aus diesem Newsletter:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh` dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

 

Wir laden herzlich ein zu unseren Konzerten

in der Herz-Jesu-Kirche Erlangen, Katholischer Kirchenplatz 12 
am Samstag 23. November 2019 um 19:30 oder

in der St. Klara Kirche Nürnberg, Königstraße 64
am 24. November 2019 um 16:00.

 

Für das Vokalensemble Josquin des Prés
Raimund Schuler

 

Aktualisiert ( Freitag, 01. November 2019 20:25 )