Konzert ...::... Choral am Ende der Reise PDF Drucken E-Mail
Liebe Freunde und Freundinnen des Vokalensembles Josquin des Prés, sehr geehrte Damen und Herren

 

Konzert : Metamorphosen


in unserem diesjährigen Herbstprojekt am Volkstrauertag möchten wir einen Choral anstimmen, der sich dem Gedenken an Opfer von Katastrophen widmet.

„Katastrophen sind durch elementare oder technische Vorgänge oder von Menschen ausgelöste Ereignisse, die in großem Umfang das Leben oder die Gesundheit von Menschen, die Umwelt, das Eigentum oder die lebensnotwendige Versorgung der Bevölkerung gefährden oder schädigen.“ –Tiroler Katastrophenmanagementgesetz

Was treibt den Menschen dazu, sich solche dramatischen Ereignisse in Erinnerung zu rufen und sie gar zu besingen? Wie verhält sich der Mensch im Angesicht der Konfrontation mit Unabänderlichem, Unvorstellbarem, Unerträglichem? Verfällt er in tiefe Resignation und Verzweiflung? Stellt sich der Frage nach der Theodizee? Ist Leid wirklich erforderlich "zum Bewusstwerden des Guten" (G. Streminger)? Ist es notwendig für spirituelles Wachstum (J. Hick)? Wie lassen sich Katastrophen in die "beste aller möglichen Welten" (G.W. Leibnitz) integrieren? Sucht der Mensch nach einem transzendenten Urheber, um von eigenem Versagen, eigener Verantwortung abzulenken, oder einen allumfassend trostspendenden Adressaten, um seine Nichtigkeit oder Hilflosigkeit zu ertragen?

In seinem Verlangen nach Sinnstiftung kommt der Mensch bei der Bewältigung von Unglücksfällen katastrophalen Ausmaßes an seine Grenzen.

Der Psalm 13 (aus der Reihe der Klagelieder eines Einzelnen) vollführt eine bemerkenswerte Wendung: von fast schon vorwurfsvoller Klage im Angesicht einer Katastrophe über die Bitte um Veränderung und Vertrauen auf Rettung zum Jubel über den Beistand Jahwes.

Ko Matsushita (*1962) widmet seine Interpretation dieses Psalms den Opfern des Tsunamis in Japan 2011. In ein suchend-dunkles Adagio dolorosa bricht markant-chromatisch die Frage, wie lange der Feind / das Leid sich noch erheben soll. Erstaunliche harmonische Rückungen führen über Fis-Dur (mit sechs Kreuzen) nach C-Dur (ohne Vorzeichen) - eine tiefsinnige "Klärung" und Hinwendung zu Vertrauen und Lobgesang.

Als kontrastierendes Element stellen wir diesen Text in der Version des schwedischen Komponisten Bo Hansson (*1943) vor. Aufwühlende Sechszehntel-Läufe charakterisieren hier den inneren Aufruhr, den Zweifel, die Anklage, bevor die Bitte um Erleuchtung und der Dank für Gnade in eine achtstimmige Kantilene münden.

Den Opfern des Reaktorunglücks von Tschernobyl gedenkt der ukrainestämmige Kanadier Roman Hurko (*1962) in seinem etwa 25-minütigen Requiem im byzantinisch-orthodoxen Stil. Für unser Konzert stellte er uns die Schlussanrufung zur Verfügung: "Ewiges Gedenken. Mit allen Heiligen gib ihnen Ruhe, O Christus, ewiges Gedenken".

Der Untergang der Fähre Estonia in der Ostsee 1994 inspirierte den finnischen Komponisten Jaakko Mäntyjärvi (*1963) zu seinem "Canticum calamitatis maritimae". Der Solosopran paraphrasiert zu Beginn die Melodie des englischen Chorals "Nearer, my God, to thee", den der Legende nach die Bordkapelle beim Untergang der RMS Titanic 1912 spielte. Erik Fosnes Hansen wiederum verfasste 1990 einen Roman über dieses erste große Unglück der modernen Schifffahrt - ihm verdanken wir den Titel unseres Konzertes. Ein Solo-Tenor zitiert im Stile eines liturgischen Sprechgesanges die Originalmeldung der Fährkatastrophe, wie sie vom finnischen Sender Nuntii Latini verbreitet wurde, während die Passage "sodass ihre Seelen in der Not verzagten "rhythmisch den Morse-Code des "SOS" - Signals imitiert. Wellenschlagende Crescendi, den ganzen Stimmraum auslotende Klänge, tumultartige Engführungen erzeugen ein beklemmendes Bild der Katastrophe und klagen indirekt die Hybris des Menschen an.

Das Element Wasser in seiner existentiellen Symbolik dominiert auch Mäntyjärvis "The tide rises, the tide falls": Eine stimmungsvolle Meditation über Vergänglichkeit, über die sanfte, beharrliche, aber auch unerbittliche Seite des Meeres.

Am Jahrestag des Atombombenabwurfs setzen die Einwohner Hiroshimas Papierschiffchen mit brennenden Kerzen in den Ota-Fluss, die dann in einer Lichterprozession Richtung Meer schwimmen. Dieses Bild stand vermutlich Pate für Mäntyjärvis "Akari", einer stillen, ernsten Betrachtung für Frauenchor, das den Opfern von Fukushima gewidmet ist.

1943 verfasste Georg Kafka im KZ Theresienstadt sein "Totengebet", das der deutsch-schweizerische Komponist Burkhard Kinzler als Grundlage für seine Motette von 2011 wählte. Er findet darin kongeniale Ausdrucksmittel für die assoziationsreichen, erschütternd sanften Worte des 1944 verstorbenen Autoren.

In den Jahren des 1. Weltkrieges entstanden Sir Charles Hubert Hastings Parrys "Songs of farewell". Der germanophile Spätviktorianer war entsetzt über das Blutbad, das seine beiden von ihm verehrten Kulturnationen anrichteten und widmete diese sechs Motetten der gefallenen Jugend und Hoffnung der Länder.

Nr. 4 "There is an old belief" atmet unüberhörbar romantischen Geist und nimmt das Bild des Wassers tröstlich auf: "Es gibt einen alten Glauben, dass an einem heiligen Ufer, jenseits der Sphäre der Trauer, sich liebe Freunde wieder treffen werden".

Wir laden Sie herzlich ein zu unserem Choral am Ende der Reise am Samstag, 17.11.2018 um 19:30 in Herz Jesu Erlangen (Katholischer Kirchenplatz 12) oder am Sonntag, 18.11.2018 um 16:00 in Sankt Klara Nürnberg (Königstraße 64).

Raimund Schuler Vokalensemble Josquin des Prés

 

Aktualisiert ( Dienstag, 13. November 2018 13:29 )